Stiff-Person Vereinigung



Bericht über den Vortrag "Stiff-Person-Syndrom - Immunologische Aspekte in Diagnostik, Forschung und Therapie" von Frau Prof. Dr. Sommer (2008)

Frau Prof. Dr. Claudia Sommer ist Ltd. Oberärztin an der Neurolog. Klinik der Universität Würzburg und mit ihrer Arbeitsgruppe in der Forschung des SPS (Stiff-person-Syndrom) tätig. Demnach stellt sie in ihrem Referat aktuelle Forschungsergebnisse über Autoantikörper, deren Wirkungen und mögliche Therapieansätze dar.

Die Diagnosestellung erfolgt klinisch über die typische Symptomatik, den Ausschluss anderer Ursachen und den Nachweis von Autoantikörpern. Was sind eigentlich Antikörper? Antikörper (AK) werden von den B-Zellen des Immunsystems (=Abwehrsystem) des Körpers gebildet und sind Eiweißmoleküle mit einer Bindungsstelle, die an Viren, Bakterien und andere Krankheitserreger andockt und somit einen Prozess in Gang setzt, um den Erreger abzutöten. Jeder Mensch bildet eine Vielzahl verschiedener Antikörper, die einen wirksamen Schutz darstellen. Was aber sind Auto-Antikörper? Auto-Antikörper (AAK) sind im Prinzip normale AK, bekämpfen aber keine Krankheitserreger mehr, sondern richten sich gegen körpereigene Strukturen. Bildet der Körper AAK, so ist dies meist ein krankhafter Prozess und führt zu einer von vielen verschiedenen Autoimmunerkrankungen.

Es gibt zwei mögliche Mechanismen, wie AAK zu Problemen führen können: 1. Die AAK entstehen durch ein krankes, vom Immunsystem fälschlicherweise als "fremd" erkanntes Organ. In diesem Fall sind die AAK nützlich für die Diagnose, denn man kann auf das kranke Organ rückschließen. 2. Die AAK entstehen woanders und verursachen die Erkrankung. Hier ist eine Beseitigung der AAK eine sinnvolle Therapie, weil so die Krankheitsauslöser verschwinden.

Für Diagnostik und Therapie ist es also von entscheidender Bedeutung welcher Mechanismus vorliegt. Beim SPS konnte der Mechanismus noch nicht aufgeklärt werden.

Im Folgenden geht Frau Prof. Sommer genauer auf die beiden beim SPS häufigsten AAK ein: der GAD-AK und der Amphiphysin-AK. Der GAD-AK führt zu einer Verminderung von GABA, dem wichtigsten hemmenden Botenstoff im Nervensystem (vgl. Referat Prof. Meinck) und so kommt es zu einer überschießenden Muskelaktivität.

Amphiphysin ist ein Eiweißmolekül mit völlig anderer Wirkung: Es ist notwendig, damit eine Nervenzelle ihre Botenstoffe (z.B. GABA u.a.) ausschütten und wieder aufnehmen kann.

Frau Prof. Sommer erklärt die Wirkung der Amphiphysin-AK noch genauer. Amphiphysin ist ein Eiweißmolekül (Protein), welches sich an den Synapsen – das sind die Kontaktstellen der Nervenzellen, an denen Impulse weitergegeben werden – befindet. Die Nervenzellen kommunizieren hier über Botenstoffe (Neurotransmitter) wie z.B. GABA, was eine Nerven- und damit Muskelaktivierung hemmt. Die Botenstoffe werden in kleinen Ausstülpungen der Zellmembran gesammelt und in Bläschen (Vesikel) abgeschnürt und somit freigesetzt. Für diesen Vorgang werden zwei Proteine, nämlich Dynamin und Amphiphysin benötigt. Durch die Antikörper wird Amphiphysin zerstört und die Botenstoffe können nicht mehr freigesetzt werden.

 





Sind die AAK denn wirklich Schuld an der Erkrankung? Diese Frage ist nicht sicher zu beantworten. Dagegen spricht die Tatsache, dass die Titer (die Menge der AAK im Blut) nicht immer mit der Schwere der Symptome und des Krankheitsverlaufs korreliert. Es ist also nicht immer so, dass bei hohem Titer auch starke Symptome vorliegen. Außerdem ist festzustellen, dass die Entfernung der AAK aus dem Blut (Plasmapherese) nicht bei jedem Patienten hilft.

Fazit: Die AAK sind sicher nicht alleine schuld an der Erkrankung, es muss aber von einer Teilschuld ausgegangen werden und somit macht es Sinn nach Therapien zu suchen, die die AAK beeinflussen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die GAD-AK führen dazu, dass zu wenig GABA produziert wird. Die Amphiphysin-AK führen dazu, dass zu wenig GABA freigesetzt wird. Beides hat zur Folge, dass zu wenig GABA zur Verfügung steht und somit kann auch beides die gleiche Krankheit auslösen. Frau Prof. Sommer nennt zwei Therapieprinzipien: Zum einen kann man die Wirkung von GABA verstärken (z.B. Benzodiazepine u.a.), weil zu wenig GABA vorhanden ist (=symptomatische Therapie). Zum andern kann man die AAK selbst beeinflussen, wenn man davon ausgeht, dass sie die Ursache der Erkrankung sind (=Immuntherapie). Hier ist das Therapieziel, die AAK zu beseitigen, oder die Produktion der AAK zu hemmen, indem man die produzierenden Zellen hemmt oder beseitigt.

Für die Immuntherapie bestehen vier Möglichkeiten: Kortikosteroide (Kortisonpräparate wie Methylprednisolon u.a.) sind bei vielen Patienten gut wirksam. Sie dämpfen das Immunsystem, reduzieren aber nicht die AAK-Titer. Nachteile sind insbesondere die nicht unerheblichen Nebenwirkungen (Osteoporose, Gewichtszunahme, Hautveränderungen) bei Langzeittherapie in hoher Dosis.

Immunglobuline sind Gemische verschiedener Antikörper, die hoch gereinigt von Blutspendern gewonnen werden. Die Wirkung beruht zum einen darauf, dass der Körper von Antikörpern überschwemmt wird, so dass er "vergisst" selber welche zu bilden. Zum anderen können in dem Antikörper-Gemisch welche dabei sein, die die AAK angreifen und unschädlich machen. Beides verringert den AAK-Titer. Nachteile sind die hohen Kosten und die Notwendigkeit der Gabe als Infusion. In einer Studie wurde die Wirksamkeit bewiesen, allerdings ist sie nicht sehr hoch und eher als kurzfristige Option zu überlegen. Plasmapherese ist eine apparative Methode, bei der zu Therapiebeginn in fünf Sitzungen im Abstand von zwei Tagen über eine Kanüle das Blut durch eine Maschine geleitet wird und nach Entfernung der Antikörper dem Patienten zurückgegeben wird. Eine Plasmapherese muss alle zwei bis drei Monate wiederholt werden. Das Verfahren wirkt bei manchen Patienten sehr gut und bei anderen wiederum gar nicht. Es gibt heute leider noch keinen Test, um vorhersagen zu können, ob es wirken wird oder nicht.

Rituximab ist ein neues und somit teures Medikament, welches die B-Zellen zerstört, die die AAK bilden und so den Titer senkt. Die Wirksamkeit ist in Einzelfällen bewiesen, es fehlt aber die Erfahrung und die Langzeitwirkung ist noch unbekannt.