Stiff-Person Vereinigung



Bericht über den Vortrag "Stiff-Person-Syndrom, Angst und Panikerkrankungen" von Dr. Reif (2007)

Den meisten Neurologen und Psychiatern ist das Stiff Person Syndrom (SPS) vorwiegend durch die charakteristischen muskulären Symptome wie Steifigkeit der Muskulatur, Muskelspasmen, und häufigen Stürzen ein Begriff.

Weniger bekannt ist jedoch, dass es mindestens genauso häufig bei den betroffenen Patienten zu Symptomen komme kann, die man von Angsterkrankungen kennt. Vor gut zehn Jahren wurden zwei Berichte veröffentlicht, bei denen insgesamt 37 Patienten mit SPS auch psychiatrisch untersucht wurden. Es zeigten sich dabei sehr häufig seelische Erkrankungen wie Depressionen, vor allem aber Angst in verschiedenen Spielarten: Charakteristisch war aber die teils exzessive Angst zu Fallen oder vor Zement, die dann auch mit Panikattacken einherging.

Diese Angst trat teilweise auch schon vor Beginn der motorischen Symptome auf; manche Patienten „behandelten“ ihre Ängste, aber auch die muskulären Symptome mit Alkohol, was zu einer nicht unerheblichen Zahl von alkohol-missbrauchenden Patienten führt.

Diese Befunde wurden in den nächsten Jahren bestätigt; in der bislang größten Untersuchung von Prof. Meinck und Mitarbeitern (Universität Heidelberg) aus dem Jahre 2003 fand sich bei beinahe der Hälfte aller Patienten eine Symptomatik, die am ehesten einer so genannten Agoraphobie entspricht: Laufen ohne Hilfe, eine Strasse überqueren, Treppen herabsteigen; aber auch Einkaufen, Autofahren, und das Verweilen in einem geschlossenen Raum bereitete den Patienten schwere Ängste. Diese führten dann in manchen Fällen oft auch noch zu zusätzlichen Ängsten, wie zu Ersticken, verrückt zu werden, oder eine Herzattacke zu erleiden. Oft bestehen diese Ängste jedoch ohne solche Panikattacken, führen jedoch zu einem ausgeprägten Vermeidungsverhalten, d.h. dass der Patient den angst-auslösenden Situationen – zumindest wenn er alleine ist – aus dem Weg geht. In der Konsequenz bedeutet dies oft, dass die betroffenen Patienten kaum noch ohne Angehörige aus dem Haus gehen, zum Beispiel um Einzukaufen oder Freunde zu besuchen; dies stellt natürlich eine erhebliche Einschränkung der Lebensqualität dar.

Die überzufällige Häufung solcher Angsterkrankungen bei dem SPS spricht dafür, dass der Krankheitsmechanismus des SPS selbst für diese Ängste verantwortlich ist. Zwar könnte man einwenden, dass die Angst der Patienten vor offenen Flächen durch die häufigen Stürze durchaus erklärbar ist; jedoch finden sich die Angst-Symptome bei manchen Patienten auch schon vor den ersten Sturz-Ereignissen und bei anderen Erkrankungen, die mit häufigen Stürzen einhergehen (z.B. bestimmte Formen der Parkinson-Erkrankung, Epilepsie, Normdruck-Hydrocephalus) findet sich keine solche Häufung von Angsterkrankungen. Da bei dem SPS häufig Antikörper gegen das Enzym, das den angst-reduzierenden Botenstoff GABA herstellt (GAD) gebildet werden, liegt die Vermutung nahe, dass dies auch für die Angstsymptome verantwortlich ist.

Wichtig ist für die Patienten, aber auch die Angehörigen zu wissen, dass Angst selbst ein ganz normales Verhalten darstellt, die ja auch eine sinnvolle und gute Funktion hat: hätte man keine Angst, würde man sich oft in Situationen begeben, die möglicherweise sehr gefährlich sind. Bei Angsterkrankungen jedoch erzeugen schon normale Reize eine übersteigerte Angst, die dann gewissermaßen die Kontrolle übernimmt.

 




Indem der Patient immer mehr auf solche Reize achtet und auch auf seine eigenen Reaktionen darauf, kommt es in der Folge zu einer sogenannten Erwartungsangst und einem Angstkreislauf (s. Abb.), in dem sich kritische Selbstwahrnehmung und auf kleine körperliche Veränderungen folgende Angst immer weiter aufschaukeln. Dies führt dann dazu, dass die Patienten immer mehr angst-auslösenden Situationen aus dem Weg gehen, was oft zahlreiche weitere Probleme wie Depressionen oder Suchterkrankungen mit sich bringt.

Dazu kommen noch Gedanken wie die Sorge, verrückt zu werden oder (in der Panikattacke) an der Angst zu versterben. Beides ist unbegründet; weder bergen Angsterkrankungen ein körperliches Risiko, noch sind die Patienten „verrückt“. Im Gegenteil, Angsterkrankungen zählen zu den häufigsten Erkrankungen überhaupt (fast jeder fünfte Mensch leidet im Laufe seines Lebens an einer solchen!) – nur dass eben niemand offen darüber spricht. Der Angstkreislauf. Aus Wittchen Ratgeber Angst, Karger, 1993

Beim SPS ist die „typische“ Symptomatik der Agoraphobie etwas verändert. Die angst-auslösende Situation ist oft anders als bei Nicht-SPS-Patienten: meist vor offenen Flächen und Räumen, die alleine überquert werden müssen; generell oft davor, alleine laufen zu müssen (weshalb die Patienten „Tricks“ anwenden, wie z.B. einen Stock zur Hilfe zu nehmen, am Arm von Angehörigen oder an einem Geländer entlang zu gehen); auch Treppen hinabzusteigen fällt vielen Patienten schwer. Die wenigsten Patienten berichten spontan von Panikattacken – zu solchen kommt es nämlich oft gar nicht erst, da sich die Patienten nicht unbegleitet in die Angst-auslösenden Situationen begeben und dadurch auch keinen Auslöser für eine Panikattacke haben. Das Vermeidungsverhalten wird oft nicht thematisiert oder als solches erlebt, nicht zuletzt da die Angehörigen oft unkompliziert helfen und unterstützen. Fragt man jedoch gezielt danach, berichten die Patienten oft davon.

Die Behandlung der Agoraphobie bei SPS-Patienten entspricht aufgrund der Besonderheiten der Erkrankung nicht derjenigen der isolierten Agoraphobie; psychotherapeutische Ansätze, die normalerweise die Therapie der Wahl darstellen, sind wenig erfolgversprechend. Wichtig ist aber sicherlich, die Symptomatik zu erkennen und dem Patienten und den Angehörigen entsprechend zu erklären und darüber aufzuklären (sog. Psychoedukation). Auch krankengymnastische Behandlungen und der gezielte Einsatz von Hilfsmitteln sind sinnvoll und unverzichtbar. In der medikamentösen Therapie sind sog. tricyclische Antidepressiva, besonders Clomipramin (Anafranil®), die häufig in der Behandlung von Angsterkrankungen eingesetzt werden, kontraindiziert!

Ob so genannte SSRI, wie Citalopram oder Sertralin, erfolgversprechend sind, ist noch unklar. Pregabalin (Lyrica®) ist eine weitere interessante Substanz, für die jedoch auch noch keine Studien bei SPS vorliegen. Erwiesenermaßen effektiv bei Ängsten wie auch muskulären Symptomen sind jedoch Benzodiazepine wie Valium, Tavor, oder Rivotril.

Die beste Behandlung der Ängste jedoch ist die effektive Behandlung des SPS selbst, z.B. mit ivIg oder Plasmapherese: oft gehen mit Besserung der muskulären Symptome auch die Angstsymptome eindrucksvoll zurück.