SPS Selbsthilfe


Bericht über den Vortrag "Stiff-Man-Syndrom im Wandel der Zeit" von Prof. Dr. Meinck (2008)

Herr Prof. Dr. Hans-Michael Meinck, Heidelberg, begleitet als Neurologe die Stiff-Person-Syndrom Selbsthilfe Deutschland e.V. schon über sehr viele Jahre. Er gilt als führender Experte auf dem Gebiet SPS.

In seinem Referat stellt er den medizinischen Fortschritt von der Erstbeschreibung des SMS vor gut 50 Jahren bis heute dar und gibt einen Ausblick in die aktuelle Forschung und zukünftige Möglichkeiten.

Die "Gründungsurkunde", also die erste wissenschaftliche Publikation, die eine "merkwürdige muskuläre Versteifung" gepaart mit dem Auftreten von sehr schmerzhaften Muskelspasmen, d.h. plötzlich auftretende starke Krämpfe im gesamten Rücken oder der gesamten unteren Körperhälfte, als eigene Erkrankung mit dem beschreibenden Namen Stiff-man-Syndrom darstellt, stammt von 1956 aus der Mayo Klinik. In dieser Beschreibung kann man die Ratlosigkeit der damaligen Ärzte in Bezug auf Ursachen und Therapie der Erkrankung erkennen.

Ein weiterer Artikel aus dem Jahr 1956 beschreibt eine Patientengruppe mit der gleichen Symptomatik. Zwei der Patienten wurden psychiatrisch als Hysteriker beschrieben, verstarben aber kurze Zeit später. Die durchgeführte Obduktion zeigt Entzündungsherde im Rückenmark und Gehirn.

Der Zusammenhang zwischen diesen Entzündungen und dem SMS wird in der Wissenschaft erst mehr als 40 Jahre später deutlich. Bis etwa zum Jahre 2000 zeigte sich für die Neurologen eine Diskrepanz zwischen den massiven Symptomen der Patienten und dem großen Leidensdruck auf der einen Seite und den meist unauffälligen neurologischen Befunden auf der anderen Seite, da es noch keine spezifischen Laboruntersuchungen gab.

Aus heutiger Sicht führt Herr Prof. Meinck folgende Symptome der Erkrankung in absteigender Häufigkeit auf: Muskelsteifigkeit (Rigidität), Spasmen (spontan oder ausgelöst durch Außenreize), Gangstörung mit Stürzen, Angst vor freiem Gehen oder Starthemmung bei Bewegungsbeginn ("freezing"), Skelettverbiegungen, gesteigerte Schreckhaftigkeit, vegetative Krisen (können im Extremfall zu lebensbedrohlichen Zuständen führen).

Bei den Patienten von Prof. Meinck zeigen sich Muskelsteifigkeit und Spasmen in 100% der Fälle, vegetative Krisen in bis zu 60%, alle anderen Häufigkeiten liegen dazwischen.

Herr Prof. Meinck zeigt Videobeispiele von Patienten, um zu demonstrieren, dass die Erkrankung in sehr unterschiedlichen Ausprägungsgraden verlaufen kann:
Das Spektrum reicht hier von Rückensteifigkeit bis hin zur Unfähigkeit zu Gehen, die durch die Spastik der Beine bedingt ist. Ein weiteres Video zeigt, dass bereits leichte Berührungen eines Fußes des Patienten zu unwillkürlichen Verkrampfungen und Zuckungen beider Beine führen. Im Alltag kommen als Auslöser zum Beispiel ein Steinchen im Schuh oder Stolpern bzw. Hängenbleiben mit einem Fuß in Betracht mit der Folge von Stürzen.

Klinisch kann man diese abnorm gesteigerten Fremdreflexe und Muskelaktivität durch Stimulation elektromyographisch mittels Oberflächenelektroden, die auf die Beinmuskeln aufgelegt werden, messen.

Beispielhaft zeigt Herr Prof. Meinck Bilder typischer durch Gelenkeinsteifung bedingte Skelettverbiegungen wie Hyperlordose der Lendenwirbelsäule ("Hohlkreuz"), Deformitäten der Füße und auch der Handgelenke.

Das wissenschaftliche Interesse an SMS war lange Zeit gering und auf Einzelfälle bezogen, seit Beginn der 1990er Jahre hat sich das mit Entdeckung spezifischer Antikörper (GAD-Antikörper) geändert und das Angebot und die Qualität an wissenschaftlichen Artikeln hat sich stetig verbessert und man hat auf immer mehr Fälle zurückgreifen können. Mittlerweile gibt es 133 Veröffentlichungen und Prof. Meinck betont, dass SMS keineswegs als seltene "Kolibri"-Erkrankung bezeichnet werden kann. Dennoch ist das Wissen über SMS bei Patienten und Ärzten nicht weit verbreitet und die Anzahl an nicht diagnostizierten Fällen ist schätzungsweise hoch. Einen wichtigen Beitrag zur Informationsverbreitung stellen Selbsthilfegruppen dar, die es mittlerweile in allen westlichen Ländern gibt. Die SMS Gesellschaft Deutschland war dabei eine der ersten und größten im internationalen Vergleich. Eine weitere Möglichkeit bietet das Internet mit der Seite www.orpha-net.de, einer Plattform für seltene Erkrankungen.

Aktuell teilt man die Erkrankung beim Erwachsenen je nach Symptomausprägung in drei Varianten ein:
SLS – Stiff-leg-Syndrom: Minusvariante, nur ein Bein oder Arm betroffen
SMS – Stiff-man-Syndrom (=SPS - Stiff-person-Syndrom): Hauptausprägung mit den typischen Symptomen (s.o.), aber ohne objektivierbare neurologische Befunde
PERM – Progressive Enzephalomyelitis mit Rigidität und Myoklonien: Plusvariante mit neurologischen Befunden wie Augenmuskelstörung, Lähmungen, Koordinationsstörung

Die Übergänge sind fließend und eine leichte Ausprägung kann – muss aber nicht – in eine schwerere übergehen. Nach aktueller Statistik ist die Variante SMS am häufigsten, gefolgt von PERM.

Frauen sind doppelt so oft betroffen wie Männer. Das Erkrankungsalter kann man nicht eng begrenzen. Der Erkrankungsbeginn kann von der Pubertät bis zum höhern Alter liegen, das mittlere Erkrankungsalter liegt etwa bei 40-50 Jahren.

 



Bei etwa 70-80% der Patienten lassen sich für die Krankheit typische Antikörper im Blut nachweisen. Es handelt sich um Autoantikörper (= Antikörper, die vom Immunsystem produziert werden, sich aber gegen körpereigene Strukturen richten) gegen ein Enzym mit dem Namen Glutamatdecarboxylase (GAD). SMS fällt somit in die Kategorie der Autoimmunerkrankungen. GAD ist ein funktionelles Eiweißmolekül, welches die Aminosäure Glutamat in ein anderes Molekül, nämlich den Neurotransmitter γ-amino-Buttersäure (GABA), umwandelt. GABA ist der wichtigste hemmende Botenstoff (Neurotransmitter) im zentralen Nervensystem. Wird GAD von einem Antikörper zerstört, so sinkt die Produktion von GABA und damit sinkt die hemmende Wirkung. Folge ist eine Übererregbarkeit des Nervensystems.

GAD kommt im gesamten Nervensystem vor und konnte zusätzlich in den Inselzellen der Bauchspeicheldrüse nachgewiesen werden. Ein Absterben dieser Zellen verursacht Diabetes mellitus Typ I.

GAD-Antikörper wirken also nicht nur auf Nervenzellen, sondern auch auf andere Gewebe. So ist es nicht verwunderlich, dass in der Statistik von Keilbar (Arbeitsgruppe Prof. Meinck) fast alle Patienten mit nachgewiesenen GAD-Antikörpern zusätzlich an einer oder mehreren Autoimmunkrankheiten leiden, die in den meisten Fällen erst nach Beginn der neurologischen Beschwerden auftreten. Bei SMS-Patienten ohne GAD-Antikörper treten weitere Autoimmunkrankheiten viel seltener auf.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein positiver GAD-Antikörper-Befund ein Marker für eine generalisierte autoimmunologische Störung ist und das SMS in vielen Fällen die erste Ausprägung darstellt. Es muss aber davon ausgegangen werden, dass der GAD-Antikörper für so viele verschiedene Erkrankungen nicht alleine verantwortlich ist.

Neben dem GAD-Antikörper können bei SMS-Patienten noch zwei weitere auftreten: Amphiphysin-AK und Glycin-Rezeptor-AK. Nach der aktuellsten Studie von Herrn Prof. Meinck kann jeder dieser Antikörper für sich die Symptome hervorrufen. Es gibt aber auch Patienten, bei denen mehr als eine Art von Antikörpern nachweisbar ist. Es ist gut möglich, dass in Zukunft weitere krankheitsverursachende Antikörper entdeckt werden.

Zum Abschluss des Referats geht Prof. Meinck auf bewährte und auf neue Therapiemöglichkeiten ein. Im Laufe der Zeit wurden viele Medikamentengruppen getestet und einige bereits bekannte Medikamente haben sich als wirksam erwiesen. Es gibt bis heute keine kausale Therapie, d.h. kein Medikament welches die Ursache behandelt und somit die Krankheit heilen kann.

Die sog. immunmodulatorischen Medikamente haben einen kausalen Ansatz, weil sie das Immunsystem, also die Antikörper selbst und deren Wirkung, beeinflussen. Hierzu zählt Methylprednisolon, ein lange bekanntes Medikament, dessen Wirkung dem körpereigenen Hormon Kortison entspricht und das gesamte Immunsystem, insbesondere die autoimmunen Fehlreaktionen, dämpft. Es ist sehr gut wirksam, hat bei Langzeittherapie aber erhebliche Nebenwirkungen. Eine neuere Entwicklung dieser Gruppe stellt intravenös verabreichtes Immunglobulin (i.v. IgG) dar, was sich aber bei den meisten Patienten im Vergleich zu den hohen Kosten und dem Aufwand der intravenösen Gabe als zu wenig wirksam herausstellt. Eine weitere Möglichkeit ist die Plasmapherese, ein apparatives Verfahren, bei dem die schädlichen Autoantikörper aus dem Blut entfernt werden. Die Plasmapherese muss wiederholt angewendet werden.

Alle anderen verfügbaren Medikamente wirken symptomatisch. Als älteste und wirksamste Gruppe beim SMS sind hier die Benzodiazepine (z.B. Diazepam = Valium) zu nennen. Benzodiazepine lockern die Muskulatur und hemmen die Spasmen, was somit auch zur Schmerzreduktion beiträgt. Des weiteren ist Baclofen zu nennen, was mittels einer Pumpe intrathekal (=in den Rückenmarkskanal) gegeben wird. Es stehen noch viele weitere Medikamente zur Verfügung, die im Einzelfall wirksam sein können. Zu beachten ist, dass all diese Medikamente auf das zentrale Nervensystem wirken und somit dort auch Nebenwirkungen hervorrufen. Das Ziel einer jeden Therapie mit einem oder mit einer Kombination von Substanzen ist also der schwierige Mittelweg zwischen guter Wirkung und wenig Nebenwirkungen.

Am häufigsten werden Benzodiazepine, Methylprednisolon, Baclofen und i.v. IgG angewendet, weil es für diese Medikamente die größte Erfahrung und meisten Studien gibt.

Nach 50 Jahren Erfahrung mit SMS lässt sich der aktuelle Stand wie folgt zusammenfassen:
SMS ist eine autoimmune Entzündung des Zentralen Nervensystems und der endokrinen (=hormonproduzierenden) Drüsen. Die Erkrankung zeigt typische neurologische Symptome.

Ein Ensemble charakteristischer Liquorbefunde und der Nachweis von Autoantikörpern (GAD, Amphiphysin, Glycin) im Blut, sowie neurophysiologische Untersuchungen dienen der Diagnosesicherung. Bildgebende Verfahren wie Röntgen, Ultraschall und Tomografien sind nicht hilfreich. Es gibt wirksame aber noch nicht optimale Therapiemöglichkeiten.

Es gibt noch viele offene Fragen für die zukünftige Forschung: Wie entsteht die autoimmune Entzündung, wie wird sie aufrecht erhalten und wie kann man sie dämpfen? Wie und wo genau wirkt die Entzündung am Zentralnervensystem und an den endokrinen Drüsen? Und nicht zuletzt ist das übergeordnete Ziel die Suche nach besseren symptomatischen Therapien mit weniger Nebenwirkungen.